Die Lizenz zum Stehlen!

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»Ich möchte Dir heute eine kleine Geschichte erzählen, um die Perversität des Finanzsystems noch mehr zu verdeutlichen. Stell Dir einfach folgendes vor. Du wolltest vor 100 Jahren vom Bombay zurück nach London segeln. Am Landesteg liegen 2 Segelschiffe. Beide legen zur gleichen Zeit ab, sind gleich groß, gleich schön, gleich schnell usw. Mit welchem der beiden Schiffe würdest Du nun mitsegeln?«

Mein bester Freund Fritz zuckte stumm mit seinen Schultern…

»Gut. Einfacher wird die Entscheidung jedoch, wenn Du zusätzlich folgende Information be-kommst: Der Kapitän auf dem ersten Schiff erhält eine Provision für die Ware, die in London ankommt und er muss mitsegeln. Sein Kollege auf dem zweiten Schiff hingegen, wird für jede Tonne bezahlt, die er auflädt. Auch wenn das viel mehr ist, als das Schiff tragen kann. Seinen Lohn darf er auf jeden Fall behalten. Selbst wenn das Schiff untergeht oder von Piraten ausgeraubt wird. Selbst mitsegeln muss er auch nicht. Für welches der beiden Schiffe würdest Du Dich nun entscheiden?«

»Für das erste natürlich!«

»Das ist relativ einfach. Auf diese Art und Weise wurden in den letzten Jahren alle großen Volkswirtschaften sozusagen auf das 2. Schiff verladen, dessen Untergang wir nun mehr und mehr erleben müssen.«

»Einfach? Ist im wahren Leben nicht doch alles sehr viel komplizierter.«

»Nein. Natürlich wird es dem Laien durch immer neue, mysteriöse Kürzel für immer kompliziertere und unverständlichere Finanzprodukte schwer gemacht zu verstehen, was eigentlich passiert. Aber all diese Verschleierungen haben doch nur einen Zweck: Zu verbergen, dass wieder einmal jemand vorab für das Be- bzw. Überladen eines Schiffes bezahlt wird, ohne dass er selbst mitsegeln muss.«

»Skrupellose, gierige Banker haben uns so ins Verderben gestürzt. Denen muss doch das Handwerk gelegt werden. Das freie Spiel der Märkte hat versagt und deshalb sind strenge Regeln und ein intensive staatliche Kontrolle von Nöten.«

»Du bist auf dem richtigen Weg, doch eigentlich geht dieser Gedankenansatz an den wahren Problemen vorbei. Ein Esel läuft bekanntlich der Karotte hinterher, die ihm vor die Nase gehalten wird. Wenn der Esel nun aber in die falsche Richtung läuft, dann ist dies nicht ein Fehler des Esels oder gar seiner Gier nach Karotten, sondern ein Fehler der Person, die nicht aufgepasst hat, wo sie die Karotte hinhält. Gier, so erstaunlich das auch klingen mag, ist gut, denn sie macht Esel und auch Banker steuerbar.

Es waren die Staaten, die versagt haben, weil sie der Gier auf den Finanzmärkten freien Lauf gelassen und sie nicht in die richtigen Bahnen gelenkt hat.«

»Wie kann ich das nun verstehen?«

»Ein sehr gutes Beispiel hierfür sind die PIK-Notes. Das ist eine ganz erstaunliche Art von Darlehen, mit der Finanzinvestoren in den vergangenen Jahren sehr riskante Firmen-übernahmen finanzierten. Bei PIK-Notes zahlt der Kreditnehmer zunächst weder Zins noch Tilgung. Er begleicht die gesamte Rechnung erst am Schluss – vielleicht! Bei einer mit 9% verzinsten PIK-Note über 5 Jahre in Höhe von 100 Millionen Euro für den Erwerb einer Gartenzwergfirma beispielsweise, verspricht eine »Heuschrecke« also lediglich, am Ende 154 Millionen Euro zurück zu bezahlen.«

»Das ist doch eine ganz tollte Möglichkeit, wenn ich mir etwas kaufen will, was ich mir eigentlich gar nicht leisten kann. Das versuche ich gleich Morgen. Ich gehe zu einer Bank, mache das mit den PIK-Notes und kaufe mir damit ein Haus, indem ich dann die nächsten 5 Jahre leben kann.«

»Das wird Dir mit ziemlich großer Sicherheit nicht gelingen, denn kein Banker im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte würde jemals auf die Idee kommen, während der gesamten Laufzeit auf Zins und Tilgung für einen Kredit zu verzichten. Wenn er allerdings – wie bei den PIK-Notes geschehen – solchen »Giftmüll« vollständig weiterverkauft, also dadurch keinerlei Risiko trägt, sondern nur Provisionen kassiert, dann sieht die Sache ganz anders aus. So wurden in den letzten Jahren PIK-Notes im Wert von mehreren Billionen Euro verkauft und deshalb werden sie uns – wie die riskanten Immobilienkredite, die die Immobilienkrise im Jahr 2008 ausgelöst haben –, um die Ohren fliegen, wenn in ca. 2 bis 5 Jahren die ersten beginnen fällig zu werden.«

»Willst Du damit sagen, dass ein Ende der Finanzkrise noch nicht in Sicht ist?«

»Ich möchte sogar behaupten, dass die Finanzkrise noch gar nicht richtig angefangen hat und uns in den nächsten Jahren noch einige mysteriöse und undurchschaubare Finanz-produkte um die Ohren fliegen werden.«

»Aber warum lässt sich derartiger Unsinn überhaupt verkaufen?«

»Die Antwort ist ganz einfach. Weil es Leute gibt, die einen Weg gefunden haben, auch durch den Handel mit solch hochriskanten Produkte Geld zu verdienen – ohne eigenes Risiko!«

»Kannst Du mir das bitte genauer erklären?«

»Sehr gerne. Wenn beispielsweise ein Hedge-Fonds die PIK-Notes für die Gartenzwergfirma kauft, bekommt er zunächst eine Managementgebühr – in der Regel in Höhe von 1,5% pro Jahr! Das sind in 5 Jahren also insgesamt 7,5%. Zusätzlich bekommt er 20% der ange-nommenen Wertentwicklung von 100 Millionen auf 154 Millionen Euro und die werden ihm quartalsweise, halbjährlich oder jährlich ausbezahlt. Insgesamt bekommt er also 18,5% bzw. Millionen Euro. In jedem Falle aber lange bevor sich nach 5 Jahren herausstellt, ob seine Investoren – z.B. Pensionskassen oder Lebensversicherungen, hinter denen normale Anleger und Sparer stehen – den Einsatz überhaupt wieder sehen. Für den Hedge-Fonds war alles ohne Risiko und seine Gebühr darf er auch dann behalten, wenn die Sache mit den Gartenzwergen am Ende schief geht und seine Investoren alles verlieren. Das ganze ist viel besser als ein Bankraub, denn erstens ist es legal und zweitens hat man 5 Jahre Zeit die Beute beiseite zu schaffen.«

»James Bond würde das ganze wohl als »Lizenz zum Stehlen« bezeichnen. Können diese PIK-Notes denn nicht gesetzlich verboten werden?«

»Alles was getan werden müsste ist: Die Vorabbezahlung der Kapitäne verbieten und diese am besten noch an der Reling anketten, sodass sie wissen, dass die Rettungsboote im Ernst-fall für sie nicht zur Verfügung stehen. Und schon werden unsere Schiffe ganz sicher und sehr vorsichtig beladen…«

Bernd M. Schmid (Finanz Punk)


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